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Nachfolge für Claudia Gilles: "Wirklich WOLLEN muss man."

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Claudia Gilles DTVClaudia Gilles: Ihre Verdienste sind unbestritten. Doch Mitte des nächsten Jahres soll Schluss ein. Heute startet die Suche nach ihrem Nachfolger oder ihrer Nachfolgerin. Anlass genug, um gemeinsam mit Ihr in einem kurzen Interview einen Blick auf die aktuelle Situation im Deutschlandtourismus zu werfen.

Im kommenden Jahr gehen Sie in den Ruhestand. Noch ist es daher ein wenig zu früh, vollständig Bilanz zu ziehen, aber: Lässt sich trotzdem zusammenfassen, welche Herausforderungen in den kommenden Jahren auf den Verband - oder müsste man besser sagen auf den Tourismus - zukommen?

Das sind meine big five:

Die Erfolge des Deutschlandtourismus zeigen jetzt bereits auch Schattenseiten: Personalmangel, unzuverlässige Carrier, punktuelle Überfüllung. Die Infrastruktur, die wir unseren Gästen bieten, ist längst nicht überall so, wie man das von einem der wirtschaftlich prosperierendsten Länder der Welt erwartet. Mehr und dauerhafte Investitionen in die Infrastruktur: hier ist die Politik von Bundes- und Landesseite dringend gefordert.

Fach- bzw. Arbeitskräfte: wenn wir uns in Zukunft noch „Service und Verbraucherorientierung“ auf unsere Fahnen schreiben wollen, dann müssen Arbeitsbedingungen, Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Gehalt stimmen. Hier ist jeder mitverantwortlich, der Arbeitsplätze im Tourismus anbietet.

Förderalismus: Es ist immer weniger vermittelbar, wenn Zuständigkeiten und Fördermaßnahmen an kommunalen oder Landesgrenzen ein jähes Ende finden. Auch der Bund ist gefragt, sich viel stärker mit den Ländern abzustimmen. Allianzen über föderale Grenzen hinweg, nur so geht mehr jetzt und in der Zukunft.

Es gibt ein ungelöstes Grundsatzproblem: Tourismus als freiwillige Leistung. Tourismus ist keine Pflichtaufgabe der Kommunen, daher gibt es die unterschiedlichsten Ansätze, eine auskömmliche Finanzierung der touristischen Organisationen und deren Marketingaufgaben einigermaßen gewährleisten zu können. Dem Argument, es ist nicht zu wenig Geld im System, sondern nur schlecht verteilt, kann ich nur kontern: dann verteilt es per Gesetz endlich besser.

Last but not least: die Gäste wünschen sich mehr smarte, moderne und nachhaltige Angebote. Bewusst habe ich nicht das grob verkürzende Buzzword „Digitalisierung“ verwendet, denn es geht um viel mehr: u.a. um eine intelligente Vernetzung zwischen Mobilität bei der Anreise und vor Ort; um individuellere Angebote, bei denen der Service heraussticht; um moderne Unterkünfte in einer attraktiven Umgebung, um noch viel mehr nachhaltigen Tourismus, mit regionalem Bezug, mit barrierefreien Nutzungsmöglichkeiten, unter Beachtung ökologischer Aspekte und mit sozialer Verantwortung.

Der Deutsche Tourismusverband hat kürzlich noch die seit einiger Zeit diskutierte "Nationale Tourismusstrategie" angemahnt? Glauben Sie, dass Sie zumindest deren Beginn in Ihrer verbleibenden Zeit noch anpacken können?

Die Bundesregierung ist am Zug. Wir haben die Anforderungen aus der Sicht des DTV dazu formuliert und kürzlich auch kommuniziert. Wir sind jederzeit bereit zu erläutern, warum wir was fordern und wir werden bei Legislative und Exekutive nicht locker lassen. Es ist überfällig, dass die Bundesregierung formuliert, wie sie die Tourismusbranche in Deutschland wettbewerbsfähig halten will.

Was glauben Sie? Welche Qualifikationen muss man persönlich mitbringen, wenn man den Deutschen Tourismusverband erfolgreich führen will?

Die Frage ist kaum zu beantworten, denn jede/r führt ja anders. Wirklich WOLLEN muss man. Eine gewisse Extrovertiertheit kann manchmal auch nicht schaden. Ein/e WissenschaftlerIn mit Neigung zur Arbeit im stillen Kämmerlein kann ich mir daher kaum vorstellen.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin?

Viel Glück, eine persönlich erfüllende Tätigkeit und das er/sie den Verband möglichst lange und erfolgreich in die Zukunft führen kann.

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Bild: © Jan Sobotka/DTV