Die neuen Sinus-Milieus® 2021: Das Ende der Bürgerlichen Mitte

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Sinus-Milieus Grafik

 

Das SINUS-Institut hat sein neues Gesellschafts- und Zielgruppenmodell der Sinus-Milieus vorgestellt. Die Gesellschaft ist im Umbruch - und polarisiert sich.

Seit vier Jahrzehnten erforscht das SINUS-Institut den Wertewandel und die Lebenswelten der Menschen. Daraus entstanden ist das Gesellschafts- und Zielgruppenmodell der Sinus-Milieus. Die Sinus-Milieus 2021 bilden nach Aussage der Forscher*innen eine neue Alltagswirklichkeit ab– geprägt durch politische Umbrüche, Digitalisierung, populistische Bewegungen und klimatische Extremereignisse.

Die Sinus-Milieus fassen Menschen mit ähnlichen Werten und einer vergleichbaren sozialen Lage zu „Gruppen Gleichgesinnter“ zusammen. Die Sinus-Milieus sollen demnach verdeutlichen, was die verschiedenen Lebenswelten in unserer Gesellschaft bewegt (Werte, Lebensziele, Lifestyles) – und wie sie bewegt werden können (Mediennutzung, Kommunikationspräferenzen, Bildungsprogramme).

Das Ende der Bürgerlichen Mitte wie wir sie kannten

Da sich die Gesellschaft stetig fortentwickelt, sind auch die sozialen Milieus ständig in Bewegung. Zum einen führe die wechselnde Konjunktur gesellschaftlich dominanter Werte zu Verschiebungen in der Milieulandschaft, zum anderen sei jede Jugendgeneration mit neuen Wertegemengen bzw. -hierarchien konfrontiert, woraus sich dann ganz neue Milieus bilden könnten. Werte wiederum veränderten sich durch Ereignisse und Entwicklungen, die eine Gesellschaft nachhaltig verändern. Zeitdiagnostische Schlüsselbegriffe lauten hier u.a.: Klimawandel, Migration, Pluralisierung der Lebensformen, Wohlstandpolarisierung, Digitalisierung, Ästhetisierung des Alltags. Diese Megatrends haben in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu einer Veränderung des Milieupanoramas geführt.

Folgende Entwicklungen haben demnach die Milieulandschaft in Deutschland verändert:

1. Spannungen und Neuformierung in der Mitte

Die größte sozio-kulturelle Dynamik gehe aktuell von der Mitte der Gesellschaft aus. Die Lebens- und Wertewelten driften demnach auseinander. Der statusoptimistische Teil modernisiere sich und blicke nach oben. Der harmonieorientierte, größere Teil sehe seinen Lebensstil und seine Prinzipien gesellschaftlich entwertet, ziehe sich verbittert zurück und grenze sich verstärkt nach unten und nach oben ab. Der gesellschaftliche Zusammenhalt nehme daher ab, weil der Glaube an kontinuierliche Wohlstands- und Sicherheitsgewinne erodiere.

2. Nachhaltigkeit, Resilienz und Diversity etablieren sich als neue Leitwerte

Nachhaltigkeit ist zu einer sozialen Norm geworden und somit in immer mehr Milieus handlungsleitend im Alltag. Nachhaltigkeit sei nicht mehr eine Frage des „Ja“ oder „Nein“, sondern des „Wie“. Das führe in Teilen der unteren Mitte und der Unterschicht angesichts neuer Verteilungskämpfe aber auch zur Sorge um Teilhabe und Befürchtung höherer Kosten. Nachhaltigkeit sei heute zwar mehrheitsfähig, werde aber milieuspezifisch sehr unterschiedlich verstanden und gelebt.

Weil im modernen gehobenen Segment der Druck nach Autonomie und Selbstbestimmung weiter gewachsen sei, seien Veränderungsfähigkeit und agiles Krisenmanagement (Resilienz) dort zu Kernkompetenzen geworden. Diese stärken den Einfluss neuer Leitmilieus. An der Spitze sei demnach eine neue kosmopolitische Elite entstanden.

Auch ältere, traditionelle Lebenswelten hätten sich teilweise modernisiert. Über alle Milieus hinweg habe die Akzeptanz pluralisierter Lebensformen zugenommen. Diversität hat sich als neue soziale Norm etabliert.

Ein neues Milieu macht Hoffnung

Das Adaptiv-Pragmatische Milieu rückt an die Stelle der abstiegsbesorgten Bürgerlichen Mitte ins Zentrum des gesellschaftlichen Mainstreams. Die Nostalgisch-Bürgerlichen ziehen sich in ihre Nische zurück und werden zunehmend systemkritisch.

Aufgrund der wachsenden Bedeutung von Nachhaltigkeit und Klimaschutz verschmelzen Liberal-Intellektuelle und Sozialökologische zum Postmateriellen Leitmilieu. Daneben habe sich ein neues Milieu herausgebildet, das sich als Treiber der gesellschaftlichen Transformation verstehe und auf globale Vernetzung, sozialen Mehrwert und die Postwachstumsgesellschaft setzt: die Neo-Ökologischen. In diesem von SINUS neu entdeckten Milieu ist der Wertecocktail besonders bunt: Hier ist man gleichzeitig progressiv und realistisch, pragmatisch und experimentierfreudig, erfolgsorientiert und partybegeistert, zielstrebig und gelassen.

Gleichzeitig beobachten die Forscher*innen in anderen Milieus einen Rückzug der hedonistischen Mentalität und damit das Ende der viel zitierten „deutschen Spaßgesellschaft“. Der auf Konsum und Entertainment fokussierte Teil der Hedonisten verstehe sich inzwischen als Teil der neuen Mitte und als Bollwerk gegen einen übertriebenen Nachhaltigkeits-Hype.

Weitere Informationen: www.sinus-institut.de

Infografik: Sinus Institut Pressemitteilung

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