Armutszeugnis: Radfahrer geben deutschen Städten schlechte Noten

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Radfahrer, autoverkehr

 

Der ADFC-Fahrradklima-Test 2018 ziegt: In deutschen Städten ist die Verkehrswenede ferner denn je. Das Fahrradklima, also die Zufriedenheit der Radfahrenden in Deutschland, ist sogar von 3,8 auf 3,9 gesunken - mal wieder. Die Radfahrer fühlen sich alles andere als sicher. Ein Armutszeugnis.

Der Fahrradklima-Test fand zum achten Mal statt. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) fördert den ADFC-Fahrradklima-Test 2018 aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP). Doch der hat offensichtlich kaum etwas bewirkt. Da helfen auch die Worte von Autofan Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, nur wenig: „Der ADFC-Fahrradklima-Test gibt Städten und Kommunen Hinweise darüber, was sich die Menschen an Verbesserungen wünschen, um den Radverkehr noch attraktiver und sicherer zu machen. Deshalb fördern wir den Test seit mittlerweile acht Jahren. Die heutigen Preisträger zeigen: Langjähriges Engagement und konsequente Radverkehrsförderung in den Kommunen zahlen sich aus."

Immerhin: Das Bundesverkehrsministerium fördert Radwege an Bundestraßen, Radschnellwege, innovative Modellprojekte wie zum Beispiel zur Erprobung von Lastenrädern in Logistikketten, Abbiegeassistenten oder Stiftungsprofessuren für die Forschung und die Ausbildung von Fachpersonal. Scheuer forderte jedoch die Kommunen auf, die Bundesmittel noch stärker zu nutzen. Das Bundesverkehrsministerium stellt 2019 rund 200 Millionen Euro Fördermittel für den Radverkehr bereit.

Rebecca Peters, Mitglied des ADFC-Bundesvorstands sagt: „Bei uns klingeln die Alarmglocken, wenn wir sehen, dass Radfahrerende sich nicht sicher fühlen. Denn wir wissen, dass ungute Gefühle beim Radfahren, Stress und Angst die Menschen vom Radfahren abhalten. Dagegen müssen wir etwas unternehmen. Wir brauchen gute, breite Radwege, getrennt vom starken Autoverkehr, durchgängige Netze, Radschnellwege für Pendler und viel mehr komfortable Fahrradparkhäuser. Denn mehr Radverkehr ist gut für alle: Menschen, Städte und das Klima.“

Scheuer zeichnete zudem im Bundesverkehrsministerium die fahrradfreundlichsten Städte und Gemeinden aus:

  • Bremen (Note 3,5) in der Klasse der Städte über 500.000 Einwohner. Hannover (3,8) und Leipzig (3,9) auf Platz 2 und 3
  • Karlsruhe (Note 3,1) in der Klasse der Städte über 200.000 Einwohner. Münster (3,3) und Freiburg (3,4) auf Platz 2 und 3
  • Göttingen (Note 3,3) in der Klasse über 100.000 Einwohner. Erlangen (3,4) und Oldenburg (3,5) auf Platz 2 und 3
  • Bocholt (Note 2,4) in der Klasse über 50.000 Einwohner. Nordhorn (2,6) und Konstanz (3,1) auf Platz 2 und 3
  • Baunatal (Note 2,7) in der Klasse über 20.000 Einwohner. Ingelheim am Rhein (2,7) und Rees (3,0) auf Platz 2 und 3
  • Reken (Note 2,0) in der Klasse unter 20.000 Einwohner. Wettringen (2,0) und Heek (2,4) auf Platz 2 und 3.

Gegenüber Karlsruhe ist die angestammte Siegerstadt Münster beim ADFC-Fahrradklima-Test 2018 leicht zurückgefallen, weil nach Auffassung der Befragten in Münster in jüngster Zeit nicht genug für die Fahrradförderung getan wurde. Fehlende Abstellanlagen und häufiger Fahrraddiebstahl wurden ebenfalls kritisch bewertet.

Am stärksten seit dem letzten ADFC-Fahrradklima-Test aufgeholt haben jeweils in ihrer Größenklasse Berlin (Note 4,3), Wiesbaden (Note 4,4), Offenbach (Note 3,6), Konstanz (Note 3,1), Emmendingen (Note 3,5) und Oschatz (Note 4,0). Peters: „An Berlin sehen wir, dass es von den Radfahrenden schon als positiv bewertet wird, wenn die Stadt sich auf den Weg macht, bessere Bedingungen für den Radverkehr zu schaffen. Von einer guten Fahrradstadt ist Berlin noch weit entfernt, aber eine Aufbruchsstimmung wird schon wahrgenommen.“

Den Sonderpreis als familienfreundlichste Fahrradstadt erhielt die Stadt Wettringen (Note 2,0). Hier sind die Menschen mehrheitlich der Meinung, dass man auch Kinder ohne schlechtes Gewissen allein mit dem Rad fahren lassen kann – und dass es genug Platz auf den Radwegen gibt, um auch mit Kinderanhänger oder Lastenrad bequem unterwegs zu sein.

Schlusslichter in ihren Größenklassen sind Köln (Note 4,4), Wiesbaden (4,4), Remscheid (4,7), Lüdenscheid (4,7), Hof (4,8) und Dittelsheim-Heßloch (4,7). Diese Städte werden von den Radfahrenden mehrheitlich als fahrradunfreundlich bewertet.

Gesamtnote 3,9 - weiter leicht gesunken

Das Fahrradklima, also die Zufriedenheit der Befragten beim Radfahren, hat sich nach Einschätzung von 170.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der ADFC-Umfrage weiter verschlechtert. 2014 wurde das Fahrradklima noch mit 3,7 bewertet, 2016 mit 3,8 – 2018 mit 3,9. Besonders bedenklich ist der Trend, dass die Menschen sich immer unsicherer beim Radfahren fühlen (Note 4,2 gegenüber 3,9 in 2016).

Falschparker und zu schmale Radwege machen Probleme

Der zu lasche Umgang mit Falschparkern ist bundesweit mittlerweile das von Radfahrerinnen und Radfahrern am meisten bemängelte Thema (Note 4,5). Besonders unzufrieden sind die Radfahrenden auch mit der schlechte Führung des Radverkehrs an Baustellen (Note 4,5). Ebenfalls schlecht bewertet werden ungünstige Ampelschaltungen für Radfahrer (Note 4,4) und die fehlende Breite der Radwege (Note 4

Zügiger Radverkehr und geöffnete Einbahnstraßen werden gelobt

Am besten werden von den Befragten die gute Erreichbarkeit des Stadtzentrums (Note 2,8), die Möglichkeit zum zügigen Radfahren (Note 3,0) und die Öffnung von Einbahnstraßen in Gegenrichtung für Radfahrende (Note 3,2) bewertet. Die Zusatzfragen haben ergeben, dass es den Befragten am wichtigsten ist, auf dem Rad als Verkehrsteilnehmer akzeptiert zu werden, sich sicher zu fühlen, hindernisfreie Radwege vorzufinden, wenig Konflikte mit Fußgängern zu haben und auf breiten Wegen für den Radverkehr unterwegs zu sein. 81 Prozent der Befragten ist es wichtig, vom Autoverkehr getrennt Rad zu fahren, unter den Frauen sind es sogar 86 Prozent.

Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte nicht-repräsentative Umfrage zur Zufriedenheit der Radfahrenden weltweit. Im Herbst 2018 wurden bundesweit per Online-Umfrage 32 Fragen zur Fahrradfreundlichkeit gestellt - beispielsweise, ob das Radfahren Spaß oder Stress bedeutet, ob Radwege von Falschparkern freigehalten werden und ob sich das Radfahren auch für Familien mit Kindern sicher anfühlt. Mehr als 170.000 Bürgerinnen und Bürger haben sich an der Umfrage beteiligt und die Situation in 683 Städten und Gemeinden beurteilt. Nur 15 Prozent der Teilnehmenden sind ADFC-Mitglieder. Am 9. April 2019 wurde die Rangliste der fahrradfreundlichsten Städte in sechs Größenklassen vorgestellt. Städte haben durch die Einzelbewertungen die Möglichkeit, gezielt zu erfahren, wo es gut läuft – und wo es Verbesserungspotenzial bei der Fahrradfreundlichkeit gibt.

www.fahrradklima-test.de 
Das gesamte Rankiung gibt es hier.