Lasst uns alle Hotels und Restaurants zu Museen erklären!

Geschrieben von Matthias Burzinski am .

Lost Places Weinflaschen

 

Als mir Andrea am Mittwoch ihren aktuellen Brief aus Hong-Kong zukommen ließ, hatte sie mir zuvor noch per WhatsApp einen sarkastischen Film aus Frankreich weitergeleitet, in dem Restaurants im Rahmen einer Führung nur noch als Museen präsentiert werden. Jetzt stelle ich fest: Das wäre ein gangbarer Weg, den Lockdown zu verkürzen.


Im neuen Beschluss aus der Videoschaltkonferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder finden sich nur für wenige Institutionen und Branchen konkrete Öffnungsszenarien. Logisch ist: Öffnungen im Betreuungs- und Bildungsbereich haben Priorität. Jeder und jede, der/die gerade im Homeschooling ist, wird das begrüßen, allerdings obliegt die konkrete Regelung den einzelnen Ländern, was (und hier habe ich vorrangig die NRW-Perspektive im Blick) nichts Gutes erahnen lässt. Meine Prognose: Es wird das übliche Verordnungs- und Öffnungschaos.

 

 

Bei einer stabilen 7-Tage-Inzidenz von höchstens 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner soll die Öffnung des Einzelhandels mit einer Begrenzung von einer Kundin oder einem Kunden pro 20 qm, die Öffnung von Museen und Galerien sowie die Öffnung der noch geschlossenen körpernahen Dienstleistungsbetriebe ermöglicht werden. Immerhin: Friseure*innen dürfen schon ab 01. März wieder öffnen.

Für Kultur, Sport in Gruppen, Freizeit, Gastronomie und Hotelgewerbe sollen durch eine Arbeitsgruppe auf Ebene des Chefs des Bundeskanzleramtes und der Chefinnen und Chefs der Staats- und Senatskanzleien Öffnungsszenarien entwickelt werden. Mit anderen Worten: Es gibt keine Perspektive.

Die Öffnungsstrategie der Tourismusbranche und des Gastgewerbes

Kommen wir also zu den strategischen Optionen, um den Lockdown für die Tourismusbranche und das Gastgewerbe schneller zu beenden: Es könnte schwierig werden, Restaurants und Hotels zu Friseursalons umzuwidmen. Die infrastrukturellen Transformationskosten wären zu hoch. Ergo: Wir machen sie zu Museen. Da sich ohnehin kaum noch jemand an die Gebräuche und im Dunkel der Geschichte verblassten Funktionen dieser Einrichtungen erinnern kann, liegt es nahe, sie der konservatorischen Obhut der Denkmalschützer*innen und Kuratoren*innen zu übergeben. Die oben genannte Arbeitsgruppe müsste sich gar nicht erst konstituieren, könnte das Geld in die Archivierung dieser Einrichtungen investieren und Fachkräfte aus dem Gastgewerbe zu museumspädagogischem Personal weiterbilden. Ideeller Nebeneffekt: Deutschland wäre endlich wieder eine Kulturnation von internationalem Rang!

Witz-Disclaimer

Mit Ironie und Sarkasmus im Netz muss man ja vorsichtig sein. Querdenker*innen und andere empathielose Gesellen (im Volksmund auch Covidioten genannt) könnten so etwas für bare Münze nehmen, also stelle ich klar: Das mit den Museen war ein Witz, über dessen Qualität gerne gestritten werden darf.

Gestritten werden darf zum Glück auch darüber, dass in dem neuen Beschluss mal wieder NICHTS enthalten ist, was auf einen progressiven, konstruktiven Umgang mit der Pandemie und Situation hindeutet. Es sind die üblichen Regeln mit den üblichen Versprechungen, die ohnehin kaum eingehalten werden können. Man denke nur an die vollkommen vergeigte Teststrategie, die vollkommen vergeigte Impfstrategie, die vollkommen vergeigte Corona-App und die vollkommen vergeigte Kommunikation mit den Bürgern*innen, die - das muss der Exekutive wirklich mal jemand sagen! - gedanklich viel weiter waren und sind und in der stillen Mehrheit gar strengere Maßnahmen mitgetragen hätten. Wenn es denn eine erkennbare Strategie gegeben hätte.

Wir, und ich schließe mich da ein, haben es uns alle sehr früh in der Rolle der Musterschüler*innen bequem gemacht, glaubten tatsächlich, wir hätten die Lage weltweit am besten im Griff. Was für eine Arroganz! Was uns Corona auf lange Sicht gezeigt hat: Deutschland ist ein Land wie viele andere auch, unperfekt, fehlerhaft, durchaus sympathisch, manchmal aber irrlichternd und weit entfernt von Perfektion. Zudem gesegnet mit einem nicht unbedeutenden Anteil unsolidarischer A...löcher. Und was liegt da tatsächlich näher, den Glauben an die deutsche Gründlichkeit, Ordnung, Disziplin und Organisationsfähigkeit zu begraben oder, besser noch, ins Museum zu stellen?

Wer jedoch seine Arroganz und historisierende Sichtweise ablegt, es auch eher unbequem mag, schaut nach Asien und Fernost, und liest, was uns Andrea von dort berichtet. Und wie man so eine Pandemie, auch in demokratischen Ländern, in den Griff kriegen kann...könnte...hätte können...

Sollte jemand hinter diesen Zeilen eine Art Defätismus wittern (Querdenker*innen dürfen den Begriff gerne googeln), liegt allerdings falsch: Unsere Mission ist klarer denn je. Für das Bild und die Bedeutung des Tourismus in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung sind wir selbst verantwortlich. Und unser Instrumentenkoffer ist gut gefüllt. Wir arbeiten daran. Sarkasmus ist manchmal nur der Anfang eines langen Wegs.

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