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Brief aus Hong Kong #7: Über die Dritte Welle, Zero-Tourism und getrennte Familien

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Brief aus Hong Kong, Andrea Springmann

 

Massentest in Hong Kong, drastische Maßnahmen, getrennte Familien: Angesichts dessen wundert sich Andrea über die Demonstrationen bei uns.

In Hong Kong kommen wir aktuell aus der dritten Covid-Welle. Die Schulen blieben nach den Sommerferien weiter geschlossen. Homeschooling ist hier seit Mitte August angesagt und die Schulen werden erst Ende September wieder vollständig geöffnet.

Der Sommer war hart, nachdem eine dritte Welle die Stadt getroffen hat. Nach der zweiten Welle haben wir uns alle in Sicherheit gewogen. Wir hatten Wochen ohne neue Covid-Fälle. Durch die Lockerungen der Maßnahmen kam es aber zur dritten Welle. Und diese traf gewaltig. Hong Kong hat inzwischen insgesamt über 4.900 bestätigte Fälle und 100 Tote. Vor der dritten Welle waren es nur 4 Todesfälle und ca. 1.100 Fälle. Start der Welle war ca. Mitte/Ende Juni.

Die Maßnahmen über den Sommer waren streng. Bars, Nightclubs mussten komplett schließen und auch alle Fitnesstudios sowie Spa-Einrichtungen mussten auf unbestimmte Zeit dicht machen. Restaurants durften nach 18 Uhr nicht geöffnet sein, nicht mehr als 2 Personen pro Tisch, Strände wurden geschlossen und der Zutritt wurde verwehrt, alle Schwimmbäder, indoor und outdoor, sind nach wie vor nicht zugänglich. Dazu wurde eine Maskenpflicht eingeführt, mit Bußgeld, wenn man ohne Maske im öffentlichen Raum unterwegs ist. Inzwischen sind die Fallzahlen pro Tag wieder unter 20, und es gibt Tage mit unter 10 neuen Fällen.

Zero-Tourism - Ersatzerlebnis: Sitzen und Essen wie im Flugzeug

Zu den weiteren Maßnahmen, die die Stadt schon zu Beginn von Covid eingeführt hat, gehört die zweiwöchige Quarantäne bei Rückkehr und zwar egal, von wo man kommt. Bei Ankunft in Hong Kong werden alle getestet. Diese Maßnahme bleibt erst mal noch bis zum 31. Dezember 2020 bestehen. D.h. der Tourismus setzt fast vollständig auf Staycation. Die Auswirkungen der Pandemie zeigen sich deutlich in der Entwicklung der Zahl der Touristenankünfte in Hong Kong von fast 6,8 Mio im Januar 2019 auf fast null im Juni 2020.

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Die Cathay Pacific, Hong Kong’s Flagcarrier, hat gerade bekanntgegeben, dass sie keine Lohnzuschüsse vom Hong Kong Government mehr beantragen werden und die Hälfte ihrer Flotte, d.h. ca. 90 Flugzeuge, in der australischen Wüste (Alice Springs) parkt. Das ist günstiger, als die Flugzeuge auf dem Flughafen in Hong Kong stehen zu lassen. Cathay erwartet, dass es mindestens vier Jahre dauert, bis der Reiseverkehr wieder auf Vor-Corona-Niveau sein wird.

Die Airlines werden kreativ. Cathay hat einen Food Lieferservice mit den Inflight Mahlzeiten gestartet. Thai Airways hat ein neues Restaurant in Bangkok eröffnet mit dem Kernerlebnis Sitzen wie im Flugzeug, Service wie im Flugzeug und gleiches Essen wie im Flugzeug.

Obwohl angekündigt, wurden bisher keine Travel Corridors eingerichtet, d.h. es findet nur sehr begrenzt ein Reiseverkehr innerhalb der asiatischen Länder und mit Australien und Neuseeland statt.

Getrennte Familien

Wir und auch unser Bekannten- und Freundeskreis sind von all den Be-und Einschränkungen sehr betroffen. Eine australische Freundin kann nicht mit ihren Kindern aus Australien einfach nach Hong Kong ausreisen. Die australische Regierung fordert einen Antrag mit Begründung einer Ausreise. Eine andere Freundin (Französin) hat ihren Sohn in einem Internat in Neuseeland. Als Französin darf sie nicht in Neuseeland einreisen und ihr Sohn kann nicht aus dem Land ausreisen, da dann erst mal auch keine Rückkehr möglich sein würde.

Wir leben im Vergleich zu Europa mit sehr strengen Maßnahmen. Mit großer Verwunderung und großem Entsetzen verfolgen wir die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen in Deutschland. Im Vergleich zu den meisten Ländern hat Deutschland bisher die Pandemie relativ glimpflich überstanden und auch die Maßnahmen sind mit Bedacht gewählt. Es gibt sicherlich die ein oder andere Ausnahme, im Großen und Ganzen sind die Maßnahmen unseres Erachtens aber mehr als mach- und lebbar.

Nach vielen Monaten mit Covid haben wir alle dazugelernt. Maskentragen wenn notwendig, sehr hohe Hygienestandards und Social Distancing sind das neue Gebot für alle.

Shoppen für neue Masken ist das “neue” Normal. Für jeden Geschmack ob Kind oder Erwachsener, technische und medizinische notwendige Feinheiten, Passform, unterschiedliche Materialien für den Einsatz bei verschiedenen Anlässen. Die Maske wird zum Statement-Accessoir. Am Beispiel der Tennisspielerin Naomi Osaka ist das deutlich. Zu jedem Spiel während der US Open trug sie eine andere Maske mit Namen zu Black Lives Matters. Auch die Luxusmarken wie Louis Vuitton haben inzwischen Masken in ihrem Sortiment, abgestimmt auf die Kundenwünsche.

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Wir werden immer wieder lokale Hotspots haben und diese gilt es dann schnell und konsequent einzudämmen, ohne dass es zu einem breit angelegtem Lockdown kommen muss. Auch das wissen wir inzwischen: Wir müssen auf unbestimmte Zeit mit dem Virus leben, d.h. wir müssen unser Leben in all seinen Facetten darauf einrichten.

Hong Kong führt seit Anfang September auf freiwilliger Basis einen Massentest durch. Insgesamt dauert die Testreihe bis zum 14. September. Es wurden in der Stadt 141 Teststationen aufgebaut, in denen man sich mit Voranmeldung kostenlos testen lassen kann und innerhalb von 24 bis 48 Stunden sein Testergebnis erhält. Das Screening-Programm hat bisher rund zwei Dutzend neue Fälle identifiziert.

Die Regierung veröffentlichte letzten Dienstag, dass sich 1.310.000 Hongkonger für den Test registriert haben und inzwischen mehr als 1.030.000 tatsächlich getestet wurden. Die Regierung ruft die Bevölkerung auf sich testen zu lassen, um “Silent Carriers” zu identifizieren und Vertrauen für das Aufbauen von Travel Bubbles zu schaffen.

Es fehlen die internationalen Standards

Hong Kong strebt die Öffnung für einen internationalen Reiseverkehr an. Japan, Thailand, Australien, Neuseeland, Vietnam, Singapur und Malaysia verhandeln mit Hong Kong. Darüberhinaus ist das Ziel auch, einen Travel-Korridor mit Südkorea, Deutschland, Frankreich und der Schweiz einzurichten. Dafür brauchen die Länder einen gemeinsamen Testmechanismus, der von beiden Seiten anerkannt wird.

Allerdings braucht es dafür meines Erachtens dringend einheitliche internationale Standards, wie zum Beispiel für die Flughafensicherheit. Aktuell gibt es jedoch keine einheitliche Koordinierung für Covid-Tests an Flughäfen und bei Einreisen. Für erfolgreiche und hoffentlich langfristige Travel Bubbles wird das unabdingbar sein.

Auch braucht es eine gute und praktikable Lösung für die Quarantänezeiträume. In Hong Kong, Singapur, Australien, Neuseeland, Taiwan, Südkorea, Vietnam, Thailand und einigen Ländern mehr sind zwei Wochen verpflichtend, entweder zu Hause, in einem Hotel oder in einem staatlichen Quarantänezentrum und zwar egal von wo kommend. Das hält viele vom Reisen ab, insbesondere Familien mit Kindern. Es müssen Lösungen für die Quarantänezeiträume gefunden werden mit dem Ziel diese zu verkürzen. Es gibt zwar erste Testreihen, doch keine ist bisher vielversprechend, da überall große Vorsicht geboten ist und man, egal wo eine neue Welle vermeiden will. So haben erste Lockerungen, wie z.B. ausgewählte Personengruppen von der Pflicht zu einer Quarantäne auszunehmen, in Hong Kong zur dritten Welle geführt.

 

AndreaSpringmann Portrait

Stay safe everybody!
Andrea

 

 Foto: Andrea Springmann

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