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Corona-Lektionen: Wer sind die wahren Meister*innen der Krise?

Geschrieben von Matthias Burzinski am .

Intrapreneure und Intrapreneurinnen

 

Seit mindestens zwei Jahrzehnten drehen sich viele Optimierungsprozesse innerhalb des regionalen Tourismus- und Destinationsmanagements um Organisations- und Strukturverbesserungen: Drei-Ebenen-Modell, Bündelungen, Vermeidung von doppelten Zuständigkeiten, Aufbauorganisation, Ablauforganisation, Entscheidungswege und Prozessdefinitionen. Nüchtern betrachtet, und hier sind auch Selbstzweifel an vergangenen Beratungsprozessen angebracht, haben sich die damit verbundenen Ziele nur bedingt erfüllt, vor allem gemessen an den Summen, die in diese Beratungs- und Umstrukturierungsprozesse geflossen sind. Vielleicht, so scheint es mir, wurde zu selten nach den Verbesserungsmöglichkeiten in bestehenden Strukturen gesucht, bevor das gesamte System immer wieder aufwändig neu ausgerichtet wird.

Strukturen im Brennglas

Die "Brennglaswirkung" der Coronakrise wird mittlerweile auf allen Kanälen mantrahaft wiederholt. Insofern ist es nur folgerichtig dieses Brennglas auch auf die Organisationsfragen zu richten. Welche Organisationsformen haben schnell und mutig, innovativ und agil, experimentell und autonom agiert?

Nun war es aufgrund der Dramatik der Ereignisse kaum möglich, systematisch interne Analysen vorzunehmen. Aber: Ein Rückblick auf die "First Mover" in und nach der ersten Schockstarre, auf die Innovatoren*innen, die Treiber*innen und Macher*innen lässt aus meiner Sicht keine der typischen Organisationsstrukturen besonders hervortreten. Wir finden beispielsweise sowohl unter "Verwaltungen" als auch in GmbH-Strukturen etc., in großen wie in kleinen Einheiten pro-aktive Organisationen. Was verbindet also diese besonders resilienten und agilen Strukturen?

Videokonferenzen als Sinnbild für Agilität?

Galten früher klar definierte und perfektionierte Prozesse und durchdachte Strukturen als Ideal, sind es heute agile, flexible und „schnelle“ Strukturen. Experiment und Scheitern, Wagnis und Fehlertoleranz stehen für moderne, smarte Formen des Managements, die in den digitalen Instrumenten und v.a. in der Geschwindigkeit der digitalen Entwicklung ihre Entsprechung finden.

Der Tourismus steht hier ebenso an einem Scheideweg wie andere Branchen: Lange Entscheidungswege, ausufernde Partizipationsprozesse, die Angst, nicht alle mitzunehmen, falsche Ressourcengewichtungen, oft auch eine ablehnende Grundhaltung gegenüber dem Neuen, dem Digitalen lähmen mitunter den Tourismus. Hier geht es jedoch nicht nur um einige Touristen mehr oder weniger. Vielen war und ist die Tiefe, mit der neue Akteure, Start-ups, digitale Netzwerke, aber auch neue Kulturtechniken disruptiv in gesellschaftliche Entwicklungen und Wertevorstellungen eingreifen nicht bewusst.

Dann kam Corona.

Und plötzlich erscheinen alle diese neuen Instrumente, Tools, Techniken und auch die dahinter stehenden Temperamente ihrer Macher*innen in einem neuen Licht. Die Videokonferenz als neues Sinnbild der beschleunigten Digitalisierung hat dabei eine Art Maskottchen-Funktion übernommen. Alle, die jetzt Videokonferenzen durchführen, halten sich plötzlich für agil. Doch die wahre Agilität hat sich schon vorher - und jetzt erst recht - woanders geäußert: in den Menschen.

Es sind die Intrapreneure*innen


Was war tatsächlich wichtig, um aus der ersten Schockstarre zu entkommen? Schnelles Handeln, selbst zu entscheiden statt auf Entscheidungen zu warten, Risikobereitschaft ohne Angst in einem unsicheren Umfeld Fehler zu machen, Wege zu finden und zu schaffen, wo keine sind, falsche Entscheidungen schnell zu revidieren, klare Visionen, Ziele und Ergebnisorientierung, die Fähigkeit, andere mitzunehmen und einzubinden, zu überzeugen, Verantwortung zu übernehmen. Insgesamt: Menschliche, persönliche Eigenschaften - unabhängig von ihrer strukturellen Einbindung.

Für Umstrukturierungen war nicht die geringste Zeit. Und trotzdem haben viele Akteure*innen bemerkenswerte Dinge auf den Weg gebracht, vom Homeoffice für alle über Solidaritätsplattformen für die heimische Gastronomie und Hotellerie bis hin zu neuen digitalen Inspirationsformaten zur Überbrückung des Lockdown oder neuen Besucherlenkungsmaßnahmen etc.

Gelungen ist all dies durch Intrapreneurship oder - besser - durch die Intrapreneure*innen innerhalb der Organisationen. Wer sind diese Menschen? Intrapreneure*innen sind Binnenunternehmer*innen, die sich auch in vermeintlich einengenden Strukturen entfalten, unternehmerisch und mutig, agil und zielorientiert agieren.

Ausreden gelten nicht mehr

In vielen Tourismusorganisationen verweist man gerne auf eine chronische Unterausstattung und Ressourcenmangel: "Geht nicht, weil … zu wenig Personal, zu wenig Geld und überhaupt." Dies sind wohlfeile Argumente, wenn man seine eigene Schwerfälligkeit begründen will, die Trägheit, in den gegebenen Strukturen Neues zu schaffen. Wie es viele in der Corona-Krise plötzlich aus dem Nichts geschafft haben.

Ja, natürlich brauchen wir in den DMOs auf allen Ebenen eine ansprechende Ressourcenausstattung, keine Frage, wir müssen Prozesse und Strukturen neu denken, aber vor allem brauchen wir ein neues Mindset, neue Aktivisten*innen, Intrapreneure*innen, die sich nicht scheuen, mutig, experimentell, risikobereit, ergebnisorientiert zu handeln. Und klar: Sie brauchen jetzt den nötigen Rückhalt. Denn wer nun zunächst wieder nach einem Wandel der Strukturen, neuen Organisationsformen etc. ruft, wird verlieren.

intrapreneurship

 

Neuer strategischer Schwerpunkt: Ein neues Mindset und Personal mit anderen Fähigkeiten

Fassen wir die neuen Herausforderungen zusammen, ergibt sich das Bild einer neuen DMO, eines neuen touristischen Betriebs, eines Leistungsträgers, die und der sich der eigenen Position bewusst ist, diese jedoch permanent kreativ weiterentwickelt, um zwei strategische Ziele zu erreichen:

  • Resilienz, also die Fähigkeit, neue und mitunter auch schwierige Situationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen - oder diese gar kreativ zu nutzen.
  • Gestaltungskraft und Intrapreneurship, also mehr Autonomie, Innovationsfähigkeit, Risiko und Experimentieren, Proaktivität, Co-Creation, Zielgruppen- und Wettbewerbsorientierung INNERHALB der gegebenen Strukturen.

Diese Kriterien gilt es so zu operationalisieren, dass wir sie in den aktuellen Mitarbeitern*innen - und beim Recruiting neuer Mitarbeitern*innen - identifizieren, fördern, zum Leben erwecken. WIR, die Menschen, müssen uns wandeln, nicht das System.

Klingt nicht neu, meinen Sie? Haben Sie bei der letzten Einstellung neuer Mitarbeiter*innen nach deren Risikoorientierung und Experimentierfreude geforscht? Wissen Sie wirklich, welche Ideen und Konzepte Ihre Mitarbeiter in Ihren Schubladen verbergen, weil sie keine Plattform finden, diese im Unternehmen umzusetzen? Freuen Sie sich wirklich über Experimente und riskante Ideen Ihrer Mitarbeiter*innen? Und das sind nur drei Fragen, die Sie ins Grübeln bringen sollten.

Schluss mit althergebrachten Organisationsgutachten

Wir müssen weg von der permanenten Neuordnung von Strukturen und Organisationsformen und stattdessen viel mehr Energie darauf verwenden, Intrapreneurship zu fördern, Intrapreneure*innen zu entdecken - unter Ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Es gibt sie! Die Beschäftigten zählen, die Menschen, sie sind Ursprung kreativer, neuer Ideen, sie geben die Impulse für neue Lösungen, wenn - ja - wenn sie nicht nur im Sinne ihrer vorgegebenen Funktion, sondern darüber hinaus agieren dürfen, wenn sie Zeit für das Entwickeln neuer Lösungen haben, wenn sie Fehler machen dürfen und trotzdem Anerkennung genießen. Natürlich: Auch das ist kein einfacher Weg. 

Warum das so wichtig ist? Weil Sie mit den Intrapreneuren und Intrapreneurinnen viele Ihrer Herausforderungen "inhouse", intern angehen können, Lösungen entwickeln können.

Prüfen Sie sich selbst: Wie viel Intrapreneurship steckt in Ihrem Unternehmen?

Wir wollen den Stand des Intrapreneurship in den DMOs ermitteln und entwickeln dazu einen speziellen Fragebogen, den wir nach den Sommerferien testen wollen. Eine Art Erstcheck, mit dem Sie sich selbst prüfen können. Sie haben Lust mit Ihrem Unternehmen dabei zu sein? Schreiben Sie uns einfach unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Betreff "Intrapreneurship", und Sie sind dabei.

Es kostet? Nichts. Und keine Sorge: Ihre Antworten werden für andere nicht sichtbar sein, anonym aggregiert. Sie jedoch erhalten von uns eine individuelle Einschätzung, die Ihnen zeigt, wie es um das Intrapreneurship und das Binnenunternehmertum in Ihrer Organisation tatsächlich bestellt ist.

Und nicht vergessen:
Eine Idee, die nicht gefährlich ist, verdient es nicht, überhaupt Idee genannt zu werden.
Oscar Wilde (1854 - 1900).

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