Österreichs größter Gletscher steht vor dem Verlust seiner letzten Eisverbindung

Die Pasterze am Großglockner könnte ihre letzte Eisverbindung zum oberen Nährgebiet in den kommenden Monaten verlieren. Darauf haben der Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins, der Nationalpark Hohe Tauern und GeoSphere Austria hingewiesen. Noch verbindet ein schmales Eisband die 3,9 Kilometer lange Gletscherzunge mit dem oberen Pasterzenboden. Ob die Verbindung noch über dieses Jahr hinaushält, hängt nach Angaben der beteiligten Fachleute vor allem von der weiteren Witterung ab.

Die Pasterze hat im Zuge ihres langjährigen Rückgangs bereits mehrere Eisverbindungen zu früheren Nährgebieten verloren. Im Jahr 2020 verschwand die vorletzte Verbindung im Bereich des Schneewinkels. Die nun verbliebene Verbindung verlaufe vom Rifflwinkel über den früheren Hufeisenbruch zur Zunge. Nach Angaben des Alpenvereins hat ihre Breite seit Jahren deutlich abgenommen. Während dort 2020 noch 230 Meter gemessen wurden, seien es im August 2025 noch 120 Meter gewesen.

Der Österreichische Alpenverein messe die Längenänderungen der Pasterze seit 1891. Die österreichweiten Gletschermessungen leiten derzeit Andreas Kellerer-Pirklbauer und Gerhard Lieb vom Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz. Die jährlichen Messungen an der Pasterze betreut Kellerer-Pirklbauer.

Ergänzend dazu untersuchte GeoSphere Austria die Massenbilanz des Gletschers. Michael Avian und Anton Neureiter erklärten: „Wir beobachten seit 1980, dass die Pasterze fast durchgehend Masse verloren hat. Über den gesamten Beobachtungszeitraum bis 2025 ging im Mittel rund 1 Meter Wasseräquivalent pro Jahr verloren (das entspricht einer Tonne Eis pro Quadratmeter Gletscherfläche). In den letzten 10 Jahren hat sich der Wert auf 1,2 Meter Wasseräquivalent (also 1,2 Tonnen pro m2) erhöht. “

Auch an der Oberfläche zeigte sich dieser Verlust deutlich. Laut Kellerer-Pirklbauer sank die Pasterzenzunge von 2024 auf 2025 um 7,3 Meter ein. Dabei schmolzen 12,4 Millionen Kubikmeter Eis ab. Die verbleibende Verbindung im Hufeisenbruch stehe deshalb besonders im Fokus der Beobachtung. Kellerer-Pirklbauer und Avian erklärten dazu: „Wir beobachten die Veränderungen in diesem letzten Rest des Hufeisenbruchs sehr genau.“

Wann die Gletscherzunge endgültig vom Restgletscher getrennt sein werde, lasse sich nach Angaben der Wissenschaftler nicht genau bestimmen. Sie sind jedoch davon ausgegangen, dass die Felswände im ehemaligen Eisbruch dann erstmals seit rund 5.000 Jahren vollständig eisfrei sein könnten. „Wann genau die Gletscherzunge abreißt, hängt von vielen Faktoren ab. Höchstwahrscheinlich werden dann die Felswände im ehemaligen Eisbruch das erste Mal seit 5.000 Jahren komplett eisfrei sein. Die Pasterzenzunge wird dann endgültig vom Restgletscher getrennt sein und abschmelzen. Ob dies nun genau heuer oder ein bis zwei Jahre später sein wird, ist sekundär “, so die Wissenschaftler.

Für die Entwicklung der Gletscherzunge selbst hätte dieser Schritt laut den Fachleuten nur begrenzte Bedeutung. Nach ihrer Einschätzung fehle seit den 2010er-Jahren weitgehend der Eisnachschub von oben. Die Zunge verhalte sich deshalb bereits seit längerem wie ein Toteiskörper. „Seit den 2010er-Jahren ist der Eisnachschub von oben so gering, dass sich die Gletscherzunge schon längst wie ein Toteiskörper verhält: Ihre Bewegung ist beinahe zum Stillstand gekommen und die Eismasse schmilzt nicht nur dahin, sondern ist einem großflächigen Zerfall preisgegeben.“ Kellerer-Pirklbauer ergänzte: „Die höchste Fließgeschwindigkeit, die wir unterhalb des Eisbruchs gemessen haben, betrug nur mehr 5,3 Meter von 2024 auf 2025. All das sind typische Merkmale eines Restgletschers, der als Toteismasse zu bezeichnen ist und der sich nicht mehr regenerieren kann.“

Sollte die Pasterze ihre Gletscherzunge verlieren, wäre sie nicht mehr Österreichs größter Gletscher. Diese Position würde dann der Gepatschferner in den Ötztaler Alpen einnehmen. Auch dort zeigte sich der anhaltende Gletscherrückgang. Nach Angaben der Beteiligten verlor der Gletscher im inneren Kaunertal in den vergangenen fünf Jahren knapp 300 Meter an Länge.

Im Nationalpark Hohe Tauern hat die Entwicklung der Pasterze auch mit Fragen des Gebietsschutzes zu tun. Der Alpenverein sei dort mit 333 Quadratkilometern der bedeutendste Grundeigentümer und war an der Realisierung des Nationalparks 1981 maßgeblich beteiligt. Das Gebiet rund um Großglockner, Pasterze und Gamsgrube bilde einen zentralen Teil des Schutzgebiets. Seit 1986 sicherte eine Verordnung die Sonderschutzgebiete Großglockner-Pasterze und Gamsgrube zusätzlich ab. Nach Angaben der beteiligten Institutionen sollen sich dort bedeutende Lebensräume und seltene Arten finden.

Barbara Pucker, Direktorin des Nationalparks Hohe Tauern Kärnten, verwies auf die sichtbaren Veränderungen in der Landschaft. Das Gebiet habe „ein neues Gesicht bekommen“. Sie sagte: „Wo sich das Eis zurückzieht, entstehen neue Seen wie der Pasterzensee, Pflanzen besiedeln die Schuttflächen und erste Bäume entwickeln sich zu jungen Lärchenwäldern. Diese sichtbare Dynamik ist Ausdruck jener natürlichen Entwicklung, die im Nationalpark bewusst zugelassen wird. Gleichzeitig wächst damit die Verantwortung, dieses einzigartige Gebiet gerade in Zeiten des Klimawandels und zunehmenden Freizeitdrucks bestmöglich zu schützen.“

Auch der Alpenverein ordnete die Entwicklung als Folge der Klimakrise ein. Vizepräsidentin Nicole Slupetzky erklärte: „Das Abschmelzen unseres größten Gletschers ist weit mehr als ein lokales Naturereignis. Wir sehen hier ganz klar die Auswirkungen der Klimakrise und damit die Veränderung eines einzigartigen Naturraums, der unsere Alpen über Generationen geprägt hat.” Der Rückgang der Gletscher habe bereits Folgen für Wasserhaushalt, Biodiversität und die Sicherheit im alpinen Raum.

Weitere Informationen: Österreichischer Alpenverein

Bild © ÖAV/Anna Praxmarer – Die letzte Eisverbindung über den Hufeisenbruch zur Pasterzenzunge 2023.