Die Neuerfindung der Touristinformation: Zwischen KI, Gästeverhalten und Visitor Economy

Die Touristinformation steht vor ihrer vielleicht größten Transformation. Während Künstliche Intelligenz operative Prozesse verändert, wandeln sich gleichzeitig die Erwartungen der Gäste fundamental. Die klassische Rolle als Informationsstelle greift nicht mehr – doch welche Rolle übernimmt die TI in der Visitor Economy von morgen?
Die TI.CON 2026 in Bremen nimmt diese Fragen auf und zeigt Zusammenhänge, die in der Praxis oft isoliert betrachtet werden: Wie hängen Organisationsstrukturen, Marktforschung und Raumgestaltung zusammen? Und warum braucht es ein neues Betriebssystem für Mensch und KI?
Der Paradigmenwechsel: Von der Information zur Gestaltung
Touristinformationen waren lange Zeit Auskunftsstellen. Gäste kamen mit Fragen, erhielten Antworten, Karten, Broschüren. Dieses Modell funktioniert nicht mehr – nicht weil die Beratung überflüssig wäre, sondern weil sich die Funktion der TI grundlegend verschiebt.
Die Visitor Economy braucht keine reinen Informationsvermittler mehr. Sie braucht Gestalter:innen: Akteure, die Gästeströme lenken, Erlebnisse kuratieren, nachhaltige Impulse setzen und dabei mit lokalen Partnern kooperieren. Die Bremer Stadtmusikanten dienen als Metapher: Einzeln schwach, gemeinsam stark. Übertragen auf die TI bedeutet das: Kooperation statt Insellösung.
Diese neue Rolle hat Konsequenzen für alles: für die Organisation, für die Marktforschung, für die Raumgestaltung. Wer Gäste lenken will, muss verstehen, warum sie sich bewegen. Wer Erlebnisse kuratiert, braucht neue Kompetenzen im Team. Und wer nachhaltig wirken will, muss Anreize schaffen statt belehren.
Das Warum verstehen: Marktforschung im Wandel
Klassische Marktforschung fragt: Wer ist der Gast? Alter, Herkunft, Reisemotiv. Diese Kategorien helfen – aber sie erklären nicht, warum ein Gast in einer konkreten Situation eine TI aufsucht oder eben nicht.
Die Jobs-to-be-done-Perspektive
Die Jobs-to-be-done-Formel dreht die Perspektive um. Sie fragt nicht nach Demografie, sondern nach der Situation und dem Problem, das der Gast lösen will. Ein Beispiel:
- Ein 45-jähriger Geschäftsreisender sucht keine „Stadtführung für Geschäftsreisende".
- Er sucht eine Lösung für: „Ich habe zwei Stunden zwischen Meetings und will etwas Lokales erleben, ohne viel zu planen."
Das ist ein anderer Job als: „Ich will meiner Familie am Wochenende etwas Besonderes bieten." Beide Personen können dieselbe Demografie haben – aber völlig unterschiedliche Bedürfnisse.
Diese Perspektive verändert die Marktforschung fundamental. Statt Zielgruppen zu definieren, identifizieren TIs Situationen und entwickeln passende Angebote. Das erfordert neue Methoden: Echtzeit-Datenerfassung, verhaltensbasierte Analysen, situative Befragungen.
Future.TI 2026: Was Gäste wirklich erwarten
Die repräsentative Studie Future.TI 2026 geht genau diesen Weg. Sie fragt nicht nur, ob Menschen eine TI nutzen würden, sondern warum – oder warum nicht. Die Ergebnisse aus Deutschland, den Niederlanden und Belgien zeigen, welche Four Forces das Verhalten treiben:
- Bequemlichkeit vs. Aufwand: Wie einfach ist der Zugang zur Information?
- Vertrauen vs. Unsicherheit: Wie glaubwürdig ist die Quelle?
- Sozialer Kontext: Reise ich allein, mit Familie, geschäftlich?
- Situative Dringlichkeit: Brauche ich die Info jetzt sofort oder plane ich langfristig?
Diese Erkenntnisse sind keine akademische Theorie. Sie haben direkte Konsequenzen für die Praxis: Welche digitalen Services braucht es? Wie muss der physische Raum gestaltet sein? Welche Kompetenzen brauchen Mitarbeitende?
KI als Betriebssystem: Organisation und Führung neu denken
Künstliche Intelligenz ist kein Tool, das man „einführt". Sie verändert das Betriebssystem der Organisation – die Art, wie Entscheidungen getroffen werden, wie Teams zusammenarbeiten, wie Führung funktioniert.
Die virtuelle TI-Leitung: Führung neu verteilen
Das Konzept der virtuellen TI-Leitung zeigt, wohin die Reise geht. Keine menschliche Führungskraft wird ersetzt – aber KI übernimmt Aufgaben, die bisher Leitungsebene gebunden haben: Datenanalyse, Ressourcenplanung, Monitoring von Gästeströmen, Prognosen.
Das Ergebnis: Führung wird verteilt. Die menschliche Leitung konzentriert sich auf Strategie, Empathie, Netzwerkarbeit. Die KI übernimmt operative Steuerung. Das ist kein Zukunftsszenario – es ist bereits in Bremen im Einsatz.
Der 7-Schritte-Plan: Alle mitnehmen
Die größte Herausforderung bei der KI-Integration ist nicht die Technik. Es ist die Akzeptanz im Team. Ein 7-Schritte-Plan zeigt, wie KI schrittweise implementiert wird – von der Bedarfsanalyse über Schulungen bis zur kontinuierlichen Optimierung. Der Fokus: Alle mitnehmen, auch skeptische Kolleg:innen.
Das erfordert neue Rollen: Mitarbeitende werden zu Kurator:innen (sie wählen Erlebnisse aus), zu Datenanalyst:innen (sie interpretieren KI-Outputs) oder zu Experience-Designer:innen (sie gestalten Räume und Angebote). Die Musikanten bleiben dieselben – aber sie spielen neue Instrumente.
Raum als Statement: Die TI als Erlebnisort
Wenn die TI nicht mehr nur informiert, sondern gestaltet, verändert sich auch der Raum. Die physische TI wird zum Erlebnisort, zur Bühne, zum Statement.
Life-Seeing statt Sightseeing
Life-Seeing-Erlebnisse gehen über klassisches Sightseeing hinaus. Sie sind kuratiert, sinnstiftend, lokal verankert. Ein Beispiel: Statt „Top 10 Sehenswürdigkeiten" bietet die TI „Ein Tag im Leben eines Bremer Hafenarbeiters" – mit lokalem Frühstück, Hafenrundgang, Gespräch mit Zeitzeugen.
Solche Angebote lenken Gäste an weniger frequentierte Orte, entlasten Hotspots und schaffen echte Begegnungen. Sie sind das Gegenteil von Massentourismus – und genau das, was viele Destinationen brauchen.
Belohnen statt belehren: Nachhaltigkeit mit Anreizen
Nachhaltigkeit durch Verbote zu erzwingen, funktioniert selten. BremenPay zeigt einen anderen Weg: ein Belohnungssystem, das nachhaltiges Verhalten incentiviert. Wer mit dem Rad kommt, ÖPNV nutzt oder lokale Anbieter wählt, sammelt Punkte – und erhält Vorteile.
Das ist keine Spielerei. Es ist ein systematischer Ansatz, der Verhalten messbar verändert. Und er zeigt: Die TI kann eine starke Stimme für Nachhaltigkeit sein – nicht durch Moral, sondern durch kluge Anreize.
Die Zusammenhänge: Warum alles zusammenhängt
Die drei Themenfelder – Organisation & KI, Marktforschung und Raum & Erlebnis – sind keine isolierten Baustellen. Sie bedingen einander:
- Ohne Marktforschung weiß die TI nicht, welche Erlebnisse sie kuratieren soll.
- Ohne KI-gestützte Datenanalyse bleibt Marktforschung oberflächlich.
- Ohne neue Rollen im Team kann die TI keine Erlebnisse gestalten.
- Ohne inspirierende Räume bleibt die TI unsichtbar.
Die Stadtmusikanten-Strategie bedeutet: Alle Instrumente müssen zusammenspielen. Eine TI, die KI nutzt, aber keine Ahnung von Gästebedürfnissen hat, scheitert. Eine TI, die tolle Erlebnisse kuratiert, aber keine Ressourcen dafür hat, ebenfalls.
Die TI.CON 2026 zeigt diese Zusammenhänge – und liefert konkrete Werkzeuge, um sie in der Praxis umzusetzen.
Programm-Übersicht: TI.CON 2026 in Bremen
Tag 1 – Aufbruch (ab 13 Uhr)
- Begrüßung und Eröffnung
- Keynote und Impuls (in Vorbereitung)
- Die Stadtmusikanten-Strategie: Neue Ideen für die TI als kooperative Gestalterin der Visitor Economy
- Future.TI 2026: Ergebnisse der repräsentativen Studie aus Deutschland, Niederlanden, Belgien
- Panel-Pitch: Vorstellung der Themen für Tag 2
- Stadtführungen in Bremen
- Abendempfang in der Tourist-Information Bremen mit Premiere: Die erste virtuelle TI-Leitung
Tag 2 – Zusammenhalt, Wissen und Neuanfang (8.30–16.30 Uhr)
Drei parallele Fachpanels mit je drei Sessions (jeweils 90 Min.):
Zusammen & zielführend: KI als neues Betriebssystem für Organisation, Führung und Team - Raum „Hund"
- Sieben Schritte: Wie sich KI nahtlos in eure Organisation einfügt (Moderation: Timo Förster, Caroline Kaiser)
- Keiner führt mehr alleine: Die neue virtuelle TI-Leitung an deiner Seite (Matthias Burzinski)
- Gleiche Musikanten, neue Instrumente: Neue Rollen und Ressourcen für Mitarbeitende (Caroline Kaiser)
Klug & einfühlsam: So knacken wir den Gäste-Code 2026 mit neuen Methoden der Marktforschung - Raum „Katze
- Richtig fragen: Marktforschung & Bedürfnisse der Gäste im Wandel (Matthias Burzinski, mit Matthias Goeze/visitBerlin, Michael Spring/Bremen)
- Willkommen in der Echtzeit: Wie du live die Daten deiner Gäste erfasst und nutzt (Timo Förster, mit Sebastian Flick/Branchly)
- Kommt auf die Situation an: Mit der Jobs-to-be-done-Formel in die Gedanken der Gäste eintauchen (Matthias Burzinski)
Laut & wirksam: Neue Erlebnisräume und kuratierte Erlebnisse als starke Stimme der TI - Raum „Hahn"
- Der Weckruf: Wie sich die TI als Erlebnisraum inszenieren lässt (Claudia Moll)
- Richtungsweisend: Gäste durch Life-Seeing-Erlebnisse an neue Orte lenken (Claudia Moll)
- Belohnen statt belehren: Starke Stimme für Nachhaltigkeit mit BremenPay (Claudia Moll, mit Elena Fischer/Bremen Tourismus)
Early-Bird-Tarif läuft aus: Noch bis 15.06.2026 zum vergünstigten Preis anmelden. Danach gibt es nur noch den vollen Preis oder den i-Marke Rabatt für alle, die eine i-Marken-Zertifizierung haben.
Mehr Infos und Anmeldung: https://gstoo.de/TICON2026