Brief aus Hong Kong #3/2021: Über Vaccination Bubbles, Europas Vorsprung, Impfbereitschaft und Selbstisolation

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Brief aus Hong-Kong
 

 

Ausnahmsweise hat Europa gegenüber dem asiatischen Raum mal die Nase vorn: beim Impfen. Andrea erzählt, wie die Situation sich gerade in Hong Kong und seinen Nachbarländern entwickelt - und dass es schwerer wird für diese Länder aus ihrer Selbstisolation herauszukommen. Zwischen Vaccination Bubbles, Impflotterie, Quarantäne und der ersten Party nach langem Lockdown.

Es ist mal wieder an der Zeit für einen Brief aus Hong Kong. Inzwischen bin ich wie viele voll geimpft und das gibt “neue” Freiheiten. Ich war vor Kurzem zum ersten Mal wieder auf einer Feier mit mehr als 30 Leuten. Keine Maskenpflicht und einchecken mit der Tracking-App.

Hong Kong begann am 29. April eine sogenannte “Impfbubble”. Die Bubble beinhaltet Lockerungen, u.a. Bars und Diskotheken haben wieder geöffnet. Voraussetzung dafür ist, dass das Personal und die Besucher nachweisen können, dass sie mindestens die erste Covid-19 Impfung erhalten haben und dass alle Besucher bei Eintritt den "LeaveHomeSafe"-QR-Code scannen. Im Falle, dass aus gesundheitlichen Gründen eine Impfung nicht in Betracht gezogen werden kann, muss das Restaurantpersonal alle sieben Tage einen Covid-19 Test machen. Restaurants erlauben auch wieder Tische mit bis zu 12 Personen und sie dürfen auch nach 22 Uhr geöffnet bleiben. Voraussetzung dafür ist eine vollständige Impfung des Personals und der Gäste.

Die “Vaccination Bubble” stieß erst mal auf große Kritik von Seiten der Food und Beverage Industrie. Es wurde zum einen die Umsetzbarkeit in Frage gestellt und zum anderen, dass die Industrie mitbenutzt wird, um die Impfbereitschaft in der Stadt zu erhöhen.

Inzwischen zeigt sich aber, dass die Impfrate dadurch nicht nach oben gebracht werden kann. Einen neuen Ausbruch gab es jedoch nicht.

Wenig Impfungen in Hong Kong

Aktuell haben erst ca. 22,4 Prozent der Hong Kong Bevölkerung ihre erste Impfdosis erhalten und 16.4 % Prozent beide Dosen. Die Gesundheitsexperten sprechen von einer Herdenimmunität bei 70 %. Davon ist die Stadt noch weit entfernt.

Dazu wollte die Stadt die langangesagte Travel Bubble mit Singapur aufmachen. Dazu kam es bisher noch nicht, da Singapur einen neuen Covidausbruch hatte und erst mal wieder strengere Maßnahmen aufgesetzt hat. Singapur war in Asien am schnellsten mit dem Impfprogramm, in kürzester Zeit waren mehr als 40 % der Bevölkerung geimpft. Doch trotz Impfprogramm und strenger Restriktionen kam es zu einem erneuten Ausbruch. Der Quarantänezeitraum bei Ankunft wurde auch wieder auf 21 Tage angehoben.

Seit dem Start der Impfungen weisen führende Gesundheitsexperten immer wieder auf die Bedeutung einer Herdenimmunität im Kampf gegen Covid hin, um wieder zu einem normalen Leben zurückzukehren. Aber bei zum Teil begrenzten Ressourcen, geringer Impfbereitschaft und dem Aufkommen neuer Mutationen ist die Frage, ob wir diese überhaupt erreichen. In Hong Kong wird diese Ende 2021 sicherlich nicht erreicht werden. Die Anreize für eine Impfung sind noch viel zu gering. Hong Kong ist quasi covidfrei, alles hat geöffnet und war auch nie komplett geschlossen. Man hat sich an die noch bestehenden Social Distancing Regeln gewöhnt. Somit sehen viele nicht die Notwendigkeit einer Impfung.

Das gleiche Problem besteht u. a. auch in Taiwan, Australien, Neuseeland, Vietnam und Südkorea. Vietnam hat bisher weniger als eine Million Impfdosen von AstraZeneca erhalten, und plant bis Ende des Jahres 20 Prozent seiner 98 Millionen Bevölkerung impfen zu lassen. Vietnam hat bisher nur 51 Covid-Tote gemeldet. Australiens Impfprogramm soll erst Ende 2024 abgeschlossen sein.

Impflotterie

Um die Impfbereitschaft in Hong Kong zu erhöhen, hat Hong Kong eine Lotterie ins Leben gerufen. Jeder, der sich bis zum 1. September impfen lässt bzw. schon geimpft ist, kann an der Verlosung einer Wohnung im Wert von über einer Million Euro teilnehmen. Weitere Preise sind 20 Kreditkarten mit einem Guthaben von jeweils mehr als 10.000 Euro.

Strenge Quarantäneregeln

Die Quarantänebestimmungen in Hong Kong sind auch bei einer Impfung nach wie vor sehr streng. Hong Kong Residents mit beiden Impfungen müssen bei Rückkehr nach Hong Kong weiterhin in Hotelquarantäne. Wenn sie aus einem „Low Risk“ Land kommen, wie z.B. Neuseeland oder Australien, dann gilt “nur” noch eine 7-tägige Quarantänepflicht. Wenn geimpfte Hong Kong Residents aus anderen Ländern zurückkehren, besteht noch eine 2-wöchige Quarantänepflicht. Bei einer Rückkehr mit Kindern, die nicht geimpft sind, besteht jedoch weiterhin eine Quarantänepflicht von drei Wochen. Diese Regelungen halten viele vom Reisen ab. Zu einem natürlich wegen des langen Quarantänezeitraums, zum anderen aber auch wegen der damit verbundenen hohen Kosten.

Raus aus der Isolation, aber wie?

Das Ziel für Hong Kong, Singapur, Australien, Neuseeland und die meisten asiatischen Länder war und ist, null Covid-Fälle zu haben. Eine der Hauptmaßnahmen der Asien-Pazifik Länder gegen Covid waren bisher rigorose Grenzschließungen. Dadurch ist es diesen Ländern auch gelungen, die Todeszahlen im Vergleich zu Europa extrem gering zu halten. Die Regierungen stehen nun jedoch vor der Herausforderung, wie sie die Selbstisolation sicher wieder verlassen können. Doch sehen die Öffnungen noch unsicher aus, da die Impfprogramme zwar anliefen, die Impfbereitschaft aber noch viel zu gering ist oder kein Impfstoff verfügbar ist, das Auftreten der Mutation Angst verbreitet und inzwischen eine Null-Toleranz Mentalität für Infektionen vorherrscht.

Die asiatisch-pazifischen Volkswirtschaften schneiden sich dadurch von dem Rest der Welt ab. Eine der Herausforderungen wird es sein, den Großteil der Gesellschaft davon zu überzeugen, dass ein bestimmtes Maß eines Infektionsrisikos akzeptabel ist. Wie bei anderen Infektionskrankheiten auch, muss es darum gehen, Covidinfektionen auf einem niedrigen Niveau zu kontrollieren und mögliche Ausbrüche schnell lokal einzudämmen.

Reisen in Europa wird einfacher

Die Europäische Union hat eine Road Map vorgestellt, nach der für geimpften Personen ab Juni Reisen ohne Quarantäne oder andere Restriktionen wieder möglich sind. Großbritannien hat inzwischen mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung geimpft, hat am 17. Mai, Schritt für Schritt internationale Reisen wieder zugelassen, vor allem ohne Quarantäne. Die USA lassen inzwischen seine internationalen Studenten, auch aus China, wieder einreisen. Voraussetzung ist eine vollständige Impfung.

Das Gegenteil passiert jedoch in der Asien-Pazifik Region, auch getrieben durch die Covidkatastrophe in Indien. Allerdings verursachen solche anhaltenden Grenzschließungen hohe soziale und wirtschaftliche Kosten und trennen Familien.

Eine solche Abschottung kann aber keine langfristige Strategie sein. Alles in allem führt an einer breit angelegten Öffnung kein Weg vorbei.

 

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Andrea

 Fotos: Andrea Springmann