Ist das wirklich Rapunzels Turm? GrimmHeimat verortet ortlose Märchen

Geschrieben von Matthias Burzinski am .

Maerchenhaft Titelseite deutsch Seite 1Das Wesen eines Märchens ist es, dass sie zeitlos und ortlos sind. Das wussten auch die Brüder Grimm. In der GrimmHeimat nimmt man es damit nicht so genau und publiziert ein neues Märchenbuch mit den Schauplätzen der Märchen.

Tatsache ist: Die Brüder Grimm haben den größten Teil ihres Lebens in Nordhessen verbracht und während dieser Zeit ihre  Märchen gesammelt und aufgeschrieben. Darauf fußt das Branding der Region. Das neue Märchenbuch wirft daher eine interessante, kulturtouristische Frage auf: Ist es im Sinne dieser Markenbildung eigentlich noch authentisch, wenn den Gästen suggeriert wird, die Märchen würden dort auch spielen?

Die Vorstellung, dass auch einige der bekanntesten Grimm’schen Märchen in Nordhessen spielen, sei teilweise über viele Jahre gewachsen, heißt es in der Pressemeldung zum neuen Buch. Und: Auch wenn Märchen im Reich der Phantasie zu Hause seien, so ließen sich doch Bezüge zur Region herstellen. Das neu erschienene Buch „Märchenhaftes aus der Heimat der Brüder Grimm“ macht genau das: Es stellt einige der Märchenklassiker vor – und die Orte, an denen sie Zuhause seien. Zum Beispiel: Den Turm der Trendelburg, von dem es heißt, es sei "gut vorstellbar, dass in diesem Turm Rapunzel auf ihre Rettung wartet". Oder das Dorf Bergfreiheit, ein Bergmannsdorf im Kellerwald, das "wie geschaffen als Kulisse für das Märchen 'Schneewittchen'" erscheint. Und der Hohe Meißner sei der Sage nach der Hausberg von Frau Holle.

"Gemeinsam mit dem Verlag haben wir eine ansprechende, handliche Ausgabe erarbeitet, die auch in englischer Sprache erhältlich ist. Jetzt freuen wir uns über diese schöne, kleine Märchensammlung, die sicher viele Leser findet“, sagt Markus Exner, Projektleiter GrimmHeimat NordHessen.

Keine Frage: Als Marketinginstrument wird dieses Buch funktionieren. Kultur- und Literaturwissenschaftler werden sich jedoch schmunzelnd bis kopfschüttelnd abwenden. Für den Kulturtourismus markiert dieses Buch beispielhaft die Grenze zwischen rationaler und fiktionaler Vermittlung. Letztlich wird es so sein, dass viele Gäste mit falschen Informationan nach Hause fahren - im Sinne der Markenbildung aber mit positiven Assoziationen versehen.

Wie gehen wir damit um? Diese Frage gilt es möglicherweise auch im Rahmen der großen Kulturtourismusstudie 2015 zu beantworten.

www.kulturtourismusstudie.de
www.regionnordhessen.de 

 

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